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Mobilität im Klimawandel - Bahn über alles?

Von Robert Rädel | 30.November 2007

Als klima- und verkehrspolitisch engagierter Mensch verteidigt grün ja immer gerne die Bahn. Obwohl der DB-Konzern inzwischen zum kundenfeindlichen arroganten überteuerten evil player im Verkehrsmarkt geworden ist, fahre auch ich immer noch gerne mit dem Zug, weil es (meistens) einfach ein angenehmes Reisen ist. Man muss klimabilanztechnisch aber vor allem beim Hochgeschwindigkeitsreisen sehr zweifeln, wenn man einen halb vollen ICE 3 bei 320 km/h mit einem gut besetzten modernen Diesel-Pkw bei Tempo 130 km/h oder gar einem Reisebus der neuesten Generation vergleicht. Das deutsche Personenbeförderungsgesetz, geschrieben im Jahre 1934(!) und im Kern bis heute erhalten, protegiert die Bahn und verhindert ein mit der Bahn konkurrierendes günstiges Linienbussystem.

Der BDO - Bund Deutscher Omnibusunternehmer - hat auf seiner Internetpräsenz einige sehr gute Beiträge aus der FAZ zusammengetragen, in denen mehr dazu nachzulesen ist. Natürlich sind die Interessen dieses Lobbyverbandes vollkommen klar.

Mir geht es aber darum, dass auch die Bündnisgrünen in ihrer Verkehrspolitik ein bisschen über den Schienenrand hinausdenken. Eine einseitige Bevorzugung des Bahnverkehrs als Alternative zum Auto und Flugzeug dient dem Ziel, bestmöglichen Klimaschutz zu betreiben, nicht wirklich.

So notwendig gute Hochgeschwindigkeitsverbindungen auf der Schiene zwischen den Metropolen sind, um dem Flugverkehr Konkurrenz zu machen - ein flächendeckendes Angebot an modernen, sauberen, pünktlichen, preiswerten und kundenfreundlichen öffentlichen Verkehrsmitteln mit einer hohen Netzgeschwindigkeit ist fürs Klima mindestens genauso wichtig.

Denn es gibt nicht nur die Geschäftsreisenden, die auf Firmenkosten schnell von Hamburg nach München müssen, sondern genauso die Familie mit zwei Kindern auf dem Weg zur Oma, die 18jährige Quedlinburgerin auf dem Weg zu ihrer Freundin in Flensburg, den Eurail-Touristen aus Kroatien u.v.a. Sie alle brauchen eine wirklich bezahlbare, annehmbare Alternative zum Auto. Und diese wird von der Bahn heute mit fast nur noch ICE und Regionalexpress leider kaum noch angeboten. Der Wettbewerb auf der Schiene findet im Fernverkehr kaum statt, auch weil die vorhandene Infrastruktur oftmals mehr als ausgelastet ist.

Was wir brauchen ist nicht nur ein Ausbau des Schienennetzes und einen Ordnungsrahmen für kontrollierten Wettbewerb auf diesem, sondern v.a. neue rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Das oben erwähnte Personenbeförderungsgesetz hat die für die Nazis militärisch notwendige Eisenbahn vor privater Buskonkurrenz geschützt - und tut es noch heute. Es ist keine Gewerbeordnung, sondern ein Gewerbeverhinderungsbollwerk. Das System der ÖPNV-Finanzierung ist nicht nur undurchschaubar, sondern privilegiert vorhandene Verkehrsunternehmen und verhindert echte Innovation. Man sollte nicht alteingesessene Busunternehmer und Stadtwerke subventionieren, sondern die Menschen in Form von Mobilitätsgutscheinen unterstützen, die sie in ländlichen Regionen z.B. bei Taxifahrern, Anrufbussen, Mitfahrgelegenheiten oder der mobilen Pflegeschwester mit Platz im Auto einlösen können.

Die Grünen sollten sich daran machen, im Sinne einer nachhaltigen Verkehrspolitik nicht nur den Schienenverkehr zu stärken - sondern das Gesamtsystem öffentlicher Mobilität im Blick zu haben.

Themen: MeinGrün |

8 Kommentare to “Mobilität im Klimawandel - Bahn über alles?”

  1. Nele schreibt:
    3rd.Dezember 2007 um 02:14

    Interessante These, war mir vorher gar nicht so klar. Allerdings ist es auch ne Bequemlichkeitsfrage, ich fahr hundertmal lieber Zug als Bus…

  2. MartinE schreibt:
    3rd.Dezember 2007 um 09:56

    Ja, manche fahren auch tausendmal lieber mit dem Auto direkt vom Start zum Ziel. ;))

  3. KevinS schreibt:
    4th.Dezember 2007 um 18:26

    Es ist aber unbestritten, das die Schiene eienn klaren Vorteil hat. Mit dem Reisebus kann ich imme rim Stau landen, was mir schon oft genug passiert ist. Außerdem sind die Reisezeiten erheblich länger als mit der Bahn. Mit dem Hochgeschwindigkeitsverkehr fahre ich von Berlin nach London in zehn Stunden, mit dem Bus an die 19 Stunden und das ohne Stau.

  4. Robert schreibt:
    5th.Dezember 2007 um 12:01

    Kevin, rein intuitiv gebe ich dir recht, und ich fahre auch gerne Bahn. Aber die Klima-Fakten sprechen leider ein differenziertes Bild, ich verweise noch einmal auf die FAZ-Artikel. Niemand verlangt, dass du mit dem Bus nach London fährst. Mit dem Eurostar bei Tempo 300 durch den Tunnel nach St.Pancras ist einfach toll, und die Züge sind gut gefüllt - kein Problem. Aber ein im Durchschnitt zu 30% besetzter 20 Jahre alter ICE 1 - alt, schwer und wenig effizient - hat kaum einen Klimavorteil, weil der Luftwiderstand - und damit der Energieverbrauch - exponential zur Geschwindigkeit steigt. Wie sagte Mehdorn: Beim Anfahren verbraucht er soviel wie eine Kleinstadt! Zwar hat das System Stahlrad-Stahlschiene einen immanenten physikalischen Vorteil vor Gummi und Beton - aber weil das Schienennetz an seine Kapazitätsgrenzen stösst, und Mehdorn keine Interregios oder -citys mehr will (die sehr energieeffizient die Fläche versorgen könnten), brauchen wir zwar mehr Schieneninvestitionen, aber auch etwas anderes. Denn Omi will nicht von Hannover mit 300 km/h nach London, sondern von Ueltzen nach Hann. Münden, ohne Auto und gerne auch n bisl langsamer, aber günstig. Heute muss sie in Hannover und Kreiensen umsteigen, braucht dafür einen halben Tag und nen Kredit, weil nur noch REs und ICEs fahren. Ein Fernbusverkehr ist sowohl klimapolitisch als auch verkehrspolitisch sehr sinnvoll, auch wenn Busfahren ätzend sein kann, ich weiß.

  5. MartinE schreibt:
    5th.Dezember 2007 um 14:14

    Wenn REs überhaupt noch fahren…von meiner Heimatstadt (immerhin 18.000 EW) fährt nix mehr nach Berlin ohne umsteigen. Regionale Busse fahren kaum mehr als 2 mal am Tag und das oft auch nur zu Schulzeiten. Die Züge, die noch zwischen Cottbus und Leipzig fahren, sind noch ganz alte Modelle, mit hohen Trittstufen und Türen, mit Kurbel, wo man sich gegen die Tür werfen muss, wenn man sie aufbekommen will - Vielleicht erinnert sich ja von euch noch jemand dran. ;)

    Das jedenfalls ist schon heute Realität. Da nützt ein neuer Bahnhof und neue ICE Strecken wenig. Vor allem der Preis ist ein Graus.

  6. Oliver Jütting schreibt:
    8th.Dezember 2007 um 00:23

    Mag ja alles sein, mag ja alles sein. Aber ist das nicht das alte Argument der Kfz-Lobby? Und war das Gegenargument dagegen nicht immer, dass Reisebusse nicht einfach so über den Acker fahren können, sondern dafür eine Autobahn benötigen? Und öffnet nicht genau diese Autobahn, die pro Kilometer erheblich teurer ist und viel mehr Fläche benötigt, dem Individualverkehr per Pkw wieder ein kleines ideologisches Hintertürchen? “Grüne jetzt auch für Autobahnen und gegen Tempolimits?” Ich möchte solche Schlagzeilen ja nur ungern lesen…

    Und: Zugegebenermaßen ist ein halbleerer ICE nicht besonders für die Klimabilanz. Aber die wird nicht dadurch besser, dass dann noch ein Bus nebenherfährt. Also: Fahrt Bahn, Kinder…

  7. Robert schreibt:
    8th.Dezember 2007 um 15:22

    Ach bitte versteht mich doch nicht falsch. Ich will mich nicht für mehr Straßenbau aussprechen, oder die Bahn gegen den Bus ausspielen. Ich möchte nur, dass man ehrlich die Fakten sieht und nicht blind NUR auf die Schiene setzt. Das Gesamtsystem der öffentlichen Mobilität muss verbessert werden. Es ist nun mal so, dass der Verkehr immer mehr zunimmt, das könnte man nur mit einer restriktiven Mobilitätseinschränkung verhindern.
    Und wir müssen uns einfach überlegen, wie wir die Menschen klimafreundlich bewegen, wenn das Schienennetz hoffnunglos überlastet ist und die DB AG nur auf zahlungskräftige Geschäftskunden setzt.
    Ich würde mich jederzeit vehement gegen einen Autobahnneubau oder sonstigen Straßenausbau wenden. Aber leider leider gibt es in Dtl. bereits ein sehr gut ausgebautes und leistungsfähiges Straßennetz, und ein Tempolimit hat mit dieser Frage ja gar nichts zu tun, denn Busse dürfen eh nur max. 100 km/h fahren.
    Und ein Überlandbus wird sicher nicht neben einem ICE herfahren, sondern Strecken bedienen, wo sonst gar nichts mehr fährt, und somit hoffentlich ein paar Autofahrter in den ÖV locken.
    Also:
    Mehr Schiene: Ja! (aber in der Fläche, nicht nur im Tiefflug zwischen den Ballungsräumen)
    Mehr Straßen: Nein!
    Tempolimit: Ja!
    Wenn es keinen Zugverkehr gibt, und das Auto die einzige Alternative wäre: Saubere, moderne, günstige und sichere Reiselinienbusse!

  8. Robert schreibt:
    18th.Dezember 2007 um 18:16

    Hmm ich seh grad, dass die Forderung nach einer Öffnung des PBefG für Busfernverkehre schon Beschlusslage der grünen BT-Fraktion ist… peinlich peinlich…

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